Welche Erwartungen haben wir an unseren Hund und wie viel Rücksicht nehmen wir auf seine Gefühle und Emotionen?

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In Deutschland leben schätzungsweise etwas mehr als 8 Millionen Hunde. An die meisten dieser Hunde werden irgendwelche Erwartungen gestellt.
Sind unsere Hunde in der Lage, diese teils hohen Erwartungen zu erfüllen?
Wir Menschen haben ihnen diese Bürde, eine gewisse Erwartung zu erfüllen, auferlegt. Das ist definitiv die Handschrift der Spezies Homo Sapiens. Menschen brauchen erfüllte Erwartungen, damit sie sich zufriedener fühlen. So können sie ihre Erwartungen durch ihren eigenen Hund erfüllen. Sozusagen den Spiegel des eigenen Ichs produzieren.
Hunde, die in einer Gruppe zusammen leben, erwarten nichts voneinander, außer dass sie in Harmonie zusammen leben wollen, zusammen spielen und sich ggfs. paaren (ist nicht immer möglich). Das Spielen passiert aus dem Moment heraus. Hund x erwartet nicht von Hund y, dass vor dem Nickerchen noch ein bischen gespielt wird.

Was bedeutet das für eine Mensch-Hund-Beziehung?
Haus- und Familienhunde sind nicht geboren worden, um (nur) eine gewisse Erwartung zu erfüllen, sondern um m i t dem Menschen zusammen zu leben. Vor 20-30 Jahren lebten unsere Haus- und Familienhunde ziemlich unkompliziert mit uns zusammen. Heute würde man heute sagen: „ Die liefen so nebenbei.“ Aufgrund dieses Nebenherlaufens gab es weniger Probleme im Zusammenleben mit dem Hund, da der Mensch bis dato keine Erwartungen an den Hund gestellt hat. Die einzigen Erwartungen, die damals an Hunde gestellt wurden und auch heute noch gestellt werden, sind von natürlicher Art.
Es gibt Hütehunde, die noch richtig am Vieh arbeiten. Die Herdenschutzhunde bewachen die Herde. Viele dieser Hunderassen sind in unserer modernen Hundewelt, die von Menschen gemacht wurde, über- oder unterfordert. Heute schaffen sich Menschen einen Hütehund an, um beispielsweise eine Agility-Karriere anzustreben. Die Erwartungen und der Druck sind teilweise so hoch, dass einige dieser Hunde verhaltensauffällig werden. Stellen wir uns einmal vor, dass wir uns auf eine Sportprüfung vorbereiten, deren Sportart gar nicht so unser Ding ist. Schnell werden wir aufgrund der hohen Anforderungen und Erwartungen gereizt und anderen gegenüber eventuell aggressiv reagieren.
Hunde, die man unter Druck setzt, reagieren automatisch mit Beschwichtigungssignalen wie Schnüffeln, Züngeln oder Ohren anlegen. Viele Hundehalter übersehen solche körpersprachlichen Beschwichtigungssignale und der Hund wird „gezwungen“ und oder unter Druck gesetzt, etwas zu tun, was ihm nicht behagt.
Es gibt Hundehalter und –trainer, die ihrem Hund durch falsche Konditionierung beibringen, nicht mehr zu beschwichtigen. Beschwichtigungs- und Beruhigungssignale sind sozusagen die „Lebensversicherung“ eines jeden Hundes.
Doch in einer FB-Gruppe wurde ein Film eingestellt: In diesem Film blinzelte und züngelte ein Hund extrem stark, während er gefilmt wurde. Der Besitzerin wurde tatsächlich dazu geraten, in das Blinzeln zu clickern, damit das Züngeln aufhört. Hier werden Hunde zu kommunikationslosen Krüppeln konditioniert und unfähig gemacht, sich in ihrer natürlichen Sprache zu äußern. Das wäre so, als wenn wir immer mit einem Knebel rumlaufen würden. Der Mensch nimmt keine Rücksicht auf die Gefühle des Hundes und empfindet keine Empathie für den Hund.

Erwartung sind die K.-o.-Tropfen des Lebens
Menschen schaffen sich aus den unterschiedlichsten Gründen einen Hund an. Die einen schaffen sich einen Hund an, damit sie nicht so alleine sind. Erwartungshaltung Partnerersatz. Andere halten sich einen Hund als Sportpartner, zum Joggen oder Fahrrad zu fahren. Dann gibt es die Hundehalter, die mit ihrem Hund Hundesport, z. B. Agility, Frisbee, Dogdancing oder Obidience betreiben. Wieder andere Hundehalter schaffen sich einen Hund als einen „Familienhund“ an. Oder Tierschützer schaffen sich einen Hund aus dem Ausland an, damit das eigene Ego aufpoliert werden kann. In jeder Hinsicht wird eine Erwartung an den Hund gestellt. Es ist die Frage, ob der Hund überhaupt bereit, fähig ist oder Lust hat, all unsere Erwartungen zu erfüllen? Was passiert mit uns und dem Hund, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden?

Der Familienhund
Der Begriff „Familienhund“ hinkt. Ich muss Sie enttäuschen, es gibt keinen gebrauchsfertigen Familienhund. Fast jeder Hund kann zum Familienhund avancieren. Dafür bedarf es keiner speziellen Rasse, denn das Wort familientauglich ist alles andere als ein Rassemerkmal. Es kommt hier auf die Familie an und wie weit diese bereit ist, den Hund unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse und Fähigkeiten zu integrieren. Man kann einen Hund nicht kaufen, wie ein Fahrrad oder ein Auto. Man kann ihn nicht vorbestellen und erwarten, dass der Hund immer nett und gut gelaunt ist. Auch Hunde haben einmal „schlechte Tage“ und vielleicht gerade keine Lust Agility, Frisbee oder einen Mammutspaziergang zu machen. Ein Hund ist ein Lebewesen mit Gefühlen und Emotionen, wie wir Menschen sie auch haben. Selbst der oft als familientauglich dargestellte „Gute-Laune-Labrador“ kann mal einen oder mehrere „schlechte Tage“ haben. Es könnte auch sein, dass er einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte. Erst, wenn wir Menschen begreifen, dass ein Hund fühlt, dann wird sich der Hund auf uns Menschen „einlassen“. Erst wenn wir versuchen, den Hund zu verstehen, dann wird es möglich sein, in Einklang und Harmonie mit ihm zusammen zu leben. Denn darum geht es doch. Wir wollen mit dem Hund zusammen leben. Wir wollen ihn nicht besitzen, sondern ein freundschaftliches Verhältnis pflegen und sollten ihn auch so behandeln. Doch irgendwie ist die Menschheit meilenweit davon entfernt.

Designer- und geklonte Hunde mit bestimmten Erwartungen
Es werden immer mehr „Hunderassen“ gezüchtet, um einen Markt zu bedienen, der mit einer gewissen Erwartung an den Hund Geschäfte macht. Bei der Züchtung der so genannten Designerhunde, werden zwei oder mehr Rassen gekreuzt werden, um eine noch speziellere „Rasse“ zu erzeugen. Ein Beispiel: Durch die Kreuzung von Pudel und Labrador wird den Menschen suggeriert einen Antiallergiker Hund zu erschaffen. Das ist nur ein Beispiel einer Kreuzung zweier Hunderassen, die eine bestimmte Erwartung erfüllen sollen.
Selbst geklonte Hunde gibt es schon, wobei zum Glück unklar bleibt, welche Charakterzüge diese entwickeln. Trotzdem wird hier an das Aussehen des Hundes eine gewisse Erwartung gestellt.
Dackeldame Winnie gibt es seit dem 30. März 2014 zweimal. Sie ist der erste geklonte Hund aus Großbritannien. Denn Wissenschaftler haben in Südkorea jetzt erstmals einen britischen Hund geklont. Mini Winnie kam am 30. März 2014 per Kaiserschnitt auf die Welt und ist – zumindest äußerlich – eine exakte Kopie ihres 12 Jahre alten Vorbildes Winnie.
Ein Hund für die Weltverbesserer und gegen das schlechte Gewissen
Ein Hund aus dem (Auslands)tierschutz ist immer eine Anschaffung wert, keine Frage. Doch auch hier werden die Erwartungen und Anforderungen an Hunde aus dem Auslandstierschutz viel zu hoch gesteckt. Folgende Aussagen hört man häufig: „Die sind ja alle sozialisiert und so nett und unkompliziert“. Ein Transport aus dem Ausland nach Deutschlang bedeutet für die Hunde einen riesigen Stress. Teilweise sind sie nicht richtig geimpft oder sind krank und nicht wenige besitzen gefälschte Papiere, damit sie nach Deutschland einreisen können. Angekommen in ihrem neuen Zuhause oder in der Pflegestelle müssen die Hunde sofort funktionieren. Kaum einer macht sich Gedanken darüber, wie sich ein Hund nach einem ein- bis zweitägigen Transport fühlt. Ganz abgesehen davon, dass viele Hunde ängstlich bis panisch auf alles Neue reagieren, weil sie vorher noch nie in einem Haus, sondern immer nur auf der Straße gelebt haben. Viele Hunde entfliehen bei der Übergabe oder bei der Ankunft in der Pflegestelle, weil sie absolut ängstlich und nicht richtig mit einem Panikgeschirr gesichert sind. Solche Hunde werden oft an Laien vermittelt, die noch nie etwas mit einem ängstlichen Hund zu tun gehabt haben. Die Hunde sind mit der Situation völlig überfordert und müssen erst einmal in der neuen „Umwelt“ klar kommen, die neuen Besitzer sowieso. Aufgrund ihrer gefühlsmäßigen Lage sind viele „eingeführte“ Hunde nicht fähig, irgendwelche Signale zu empfangen. Stellen Sie sich das ungefähr so vor, als wenn man Sie in einem Dschungel aussetzen würde. Leider werden einige zum Wanderpokal, weil sie nicht eine einzige Erwartung für den Menschen erfüllen werden können. Die meisten der Hunde werden verhaltensauffällig und landen ohne kompetente Hilfe in einem deutschen Tierheim.

In was für einer Gesellschaft leben wir, dass wir uns entweder für einen
– Designer Dog,
– einen „gequälten“ Hund aus dem Tierschutz oder
– einen Hund, wie aus dem Katalog
entscheiden?
Die Frage ist, wo bekomme ich einen „normalen“ Hund her, der nicht aus einer Welpenproduktion, von einer unseriösen Tierschutzorganisation oder von einem Züchter, der teuere Tiere produziert, die dann noch krank sind, kommt?
Diese Frage kann und möchte ich nicht beantworten. Vielleicht trägt dieser Beitrag dazu bei, sich darüber Gedanken zu machen und dass jeder für sich eine Antwort findet.
Kommen wir zurück zur Eingangsfrage. Welche Erwartungen haben wir an unseren Hund und wie viel Rücksicht nehmen wir auf seine Gefühle und Emotionen?
Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass ihr Hund Gefühle und Emotionen hat. Ein Hund hat in unserer Gesellschaft zu funktionieren. Wenn Herrchen oder Frauchen joggen gehen möchte, dann kommt der Hund mit, ob er will oder nicht. Die Veranstaltung auf einer Hundeshow würde sich jeder Hund lieber ersparen, wenn er könnte. Eine Teilnahme an so einer Veranstaltung bedeutet Stress für unseren Hund. Diese Signale sind leicht zu erkennen, hecheln, speicheln, evtl. eingeklemmte Rute. Viele Menschen sehen die Signale nicht, die ein Hund sendet, wenn ihm etwas nicht gefällt. Dabei ist es so einfach, einen Hund zu verstehen. Jeder Hundehalter sollte die Basics der Körpersprache des Hundes kennen, um ihn besser zu verstehen. Dazu gibt es einschlägige Fachliteratur, wie das Buch von Turid Rugaas, „Calming Signals“, Beruhigungs- und Beschwichtigungssignale. Dieses Buch klärt den Hundehalter über die verschiedensten Signale auf. Hunde kommunizieren über Laute, Mimik und Körpersprache.
Willkommen in der Welt der Beruhigungs- und Beschwichtigungssignale der Hunde! Hunde sind wahre Konfliktlöser durch Auslösen ihrer Signale. Turid Rugaas eröffnet eine ganz andere Sichtweise auf den Hund und dessen Verhalten in speziellen Hund-Hund- und Hund-Mensch-Begegnungen. Nach dieser Lektüre werden Sie Ihren Hund mit anderen Augen sehen.

Es wäre schön und sinnvoll, wenn alle Hundehalter die „Hundesprache“ erlernen, um ihren Vierbeiner besser zu verstehen und um besser mit ihm kommunizieren zu können.
Es wäre ebenfalls schön, wenn wir Menschen nicht zu hohe Erwartungen an unseren Hund stellen. Diese Erwartungen stellen wir Menschen doch auch automatisch an uns. Wenn der Hund nicht die Prüfung xy schafft, sind wir frustriert und unsere Emotionen übertragen sich auf den Hund. Das hat zur Folge, dass wir ein „gestörtes“ Verhältnis haben und beide, Mensch und Hund füreinander schlechte Gefühle hegen.
Nehmen wir Rücksicht auf unseren Hund und lassen ihn doch einfach Hund sein.

Bettina Küster
Hundepsychologin nTR
04.05.2014

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4 Gedanken zu “Welche Erwartungen haben wir an unseren Hund und wie viel Rücksicht nehmen wir auf seine Gefühle und Emotionen?

  1. Hallo Bettina,

    ich muss gestehen, ich habe den Text nicht ganz zuende gelesen. Anfangs fand ich toll, was du geschrieben hast. Ich habe ein paar mal in Gedanken genickt und gedacht „oh, schön, noch jemand der sieht, was falsch läuft“. Irgendwann ist der Artikel aber „gekippt“. In die andere Richtung. Ich finde, das wird mittlerweile ebenfalls zu einem Problem. Hunde sind Hunde, nicht mehr, nicht weniger. So wie du anfangs geschrieben hast, früher lebten sie einfach mit uns. Sie liefen einfach mit. Sie gehörten dazu, wenn sie da waren, ganz selbstverständlich. Unser Hund früher durfte sogar alleine spazieren gehen, wenn er wollte. Das fand damals (vor gut 25 Jahren) keiner schlimm. Heute geraten unsere Hunde in lauter Extreme. Und keins davon ist gut, da hast du recht. Aber meiner Meinung nach geht es nicht darum, dass jeder die Sprache der Hunde lernen muss. Sondern es geht darum, die eigene Verbindung zur Natur wieder zu finden. Sowohl in unseren Genen als auch in den Genen der Hunde ist das Verständnis füreinander fest verankert. Kein Tier hat sich dem Menschen so eng angeschlossen, wie der Hund. Hunde sind den Menschen sogar näher, als ihre nächsten Verwandten, die Affen. Sie kommen auf die Welt mit der Fähigkeit, die Menschen zu verstehen. Und genauso haben wir die Fähigkeit in uns schlummern (na, bei manchen ist sie auch wach), Hunde zu verstehen. Es mag hilfreich sein, sich für Beschwichtigungssignale und Co zu interessieren (auch ich hab das Buch gelesen) aber viel wichtiger ist, dass die Menschen wieder lernen, Hunde mit ihrem Bauch zu verstehen. Dann brauchen sie eigentlich keine Fremdsprache mehr lernen. Es ist in unseren Genen …

    Danke für einen kontroversen Artikel, die mag ich nämlich 😀

    Liebe Grüße
    Anke

    Gefällt 1 Person

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